Berliner Abendblatt


Die Interessengemeinschaft Spur 1 hat ihren Sitz in der Hauptstraße
Historische Züge brausen durch Stadt und Land

Lichtenberg. Ziemlich unwirtlich ist die Gegend in der Hauptstraße, wenn man die Wohnhäuser erst einmal hinter sich gelassen hat. Und auch das Haus mit der Nummer 16-18, das 1937 für die IG-Farben zur Kampfmittelherstellung gebaut wurde, jetzt der Treuhand gehört und unterschiedlichste Mieter beherbergt, sieht nicht wirklich einladend aus. Um so erstaunlicher ist's, dass einen im dritten Stock eine wahre Idylle empfängt.

Denn hier hat die Interessengemeinschaft IG Spur 1 Berlin ihren Sitz. Ob Dampf-, Diesel- oder Elektro-Loks, Bummelzüge oder ICEs, Gebirgslandschaft oder lauschige Dörfchen: Hier gibt es alles, was die Herzen von Eisenbahn-
freaks höher schlagen lässt.

Und zwar im Maßstab 1:32, relativ groß also. "Die gängigste Größe für Modelleisenbahn ist die H0, die ist nur ein Drittel so groß wie die Spur 1", erklärt Rainer Hermann, der den Verein 1992 gegründet hat. "Für unsere Züge braucht man viel Platz, und sie sind auch wesentlich teurer als die kleineren Modelle", sagt Hermann. "Das erklärt, warum wir die einzigen in Berlin sind, die sich mit Spur 1 beschäftigen. H0-Vereine dagegen gibt es viele." Die billigste Spur 1-Standard-Lok kostet stattliche 200 Euro, für ausgefeiltere Modelle kann man bis zu 12.000 Euro los werden. Die Spur 1 ist die älteste Modelleisenbahn. Die Firma Märklin baut sie bereits seit 1891. Erst in späteren Jahren wurden kleinere Spuren produziert.

Jeden Mittwoch trifft sich der Verein zwischen 15 und 22 Uhr in der Hauptstraße 16-18. Dann wird gebastelt und gebaut. Derzeit ist ein großer Lokschuppen in Arbeit. Und demnächst wird die gesamte Elektrik der Anlage erneuert.

Sechzehn Mitglieder, die aus ganz Berlin kommen, hat der Verein; 15 Jahre alt ist das jüngste, 67 das älteste Mitglied - allesamt Männer. "Wir würden auch Frauen aufnehmen, aber die interessieren sich nicht so für unser Hobby", sagt Hermann. Also sind die Herren beim Basteln unter sich.

Wenn allerdings der Verein an jedem 1. Mittwoch im Monat zum Fahrabend einlädt, dann kommt auch das schöne Geschlecht - und Kinder, begeisterte Kinder! Zwischen 30 und 50 Gäste kann der Verein an den Fahrabenden zählen. Für sie werden stolz die Züge in Gang gesetzt. Dann brausen historische und moderne Modelle über die 65 Meter lange Strecke, vorbei an Dörfern und Städten, durch Tunnel und über Land. "Zu unseren Fahrabenden ist jeder willkommen", lädt Rainer Hermann ein. "In unserer 250 Quadratmeter großen Halle können wir auch noch mehr Gäste beherbergen."

Die Anlage gehört dem Verein, die Loks und Wagen aber sind Privateigentum der Mitglieder. Da kommen rund 50 Lokomotiven zusammen und um die 250 Waggons. "Das sind viel zu viele, unsere Anlage müsste noch größer sein", sagt Hermann. "Unser größter Zug ist der Erzzug, der hat 24 Anhänger und ist 12 Meter lang." Gleichzeitig können auf der Anlage bis zu sechs Züge fahren.

Wer neugierig geworden ist und nicht bis zum nächsten Fahrabend am 4. Dezember warten möchte, hat schon am kommenden Wochenende Gelegenheit, die Anlage mit ihren Spur 1-Zügen zu bewundern: Vom 15. bis zum 17. November ist der Verein zu Gast bei der "Hobbyland" in den Messehallen unterm Funkturm. Geöffnet ist täglich von 10 bis 19 Uhr.

Interessenten können sich auch unter Tel. 0179/199 20 30 an Rainer Hermann wenden. iz

Berliner Abendblatt vom 14. - 20. November 2002